Die Illusion vom Ich ist einer der größten Krankheiten der Menschheit und das schlimme ist, das es Ihnen noch nicht einmal bewusst ist. Ich habe einmal einen Satz gehört, der mich sehr beeindruckt hat.
„Die Menschen haben nicht nur vergessen, sie haben vergessen, was sie vergessen haben.“
-Zitat aus dem Film Samadhi–
Wenn man das mal sacken lässt, merkt man eine große Wahrheit an diesem Satz. Fast alle Probleme kommen von der Illusion des Ichs, dabei ist dieses erfundene Ich in Wahrheit überhaupt nicht existent, sondern nur eine Einbildung, etwas das man versucht festzuhalten. Man kommt in Versuchung zu denken, dass es etwas Festes ist, etwas Absolutes. Doch das ist nicht so! Kinder erlangen erst Ende des zweiten Lebensjahres ein Ichgefühl, vorher sind Sie absolut Eins mit allem und kennen keine Unterscheidung zwischen sich und ihren Eltern oder der Umwelt.
Das heißt, in dieser Zeit sind sie reines, nennen wir es Bewusstsein, das kommt diesem reinen Zustand wohl am nächsten. Danach fangen die Probleme an, das größte Problem ist die Erziehung. Die Weisheit der Sprache erklärt es schon ganz gut, wir zerren und ziehen an unseren Kindern, bringen Ihnen Dinge bei, die sie überhaupt nicht benötigen und führen Sie in eine Welt, in der sie dann irgendwann selber feststellen, dass irgendwas nicht stimmt.
Da sie aber der Mehrheit folgen, schlafen Sie ein, haften sich an ein erfundenes Ego und leben alles andere als im Einklang mit der Natur. Das betrifft natürlich nicht alle Menschen. Einige sind sogar ganz wundervolle Menschen und wissen welche Dinge im Leben wirklich wichtig sind, doch diese Menschen trifft man leider sehr selten. Die Mehrheit lebt absolut unbewusst und begreift nicht, dass Gedanken und Körper nicht alles sind, was es auf der Welt gibt und woraus sie bestehen. Sie identifizieren sich dermaßen mit ihren Gedanken und ihren Körpern, dass sie den Blick für die wundervollen Dinge verlieren und nicht mehr wissen, was im Leben wirklich Bedeutung hat.
Ich habe lange Zeit so gelebt und bin froh, dass ich meinen Geist öffnen konnte und erkannt habe, dass es noch viel mehr gibt als das, was ich vorher wahrgenommen habe. Tatsächlich ist es noch nicht einmal etwas Neues, es ist als würde man etwas Vergessenes wiederentdecken. Viele werden jetzt sicherlich verwirrt sein. Das kann ich verstehen, ich rede hier von Dingen, die der Verstand alleine nicht begreifen kann, wie sollte er auch, dazu ist er viel zu beschränkt. Das ist wie bei einem Eisberg. Der Verstand ist die Spitze des Eisbergs, was allerdings unter der Wasseroberfläche noch alles verborgen ist, kann man nur erfahren, wenn man untertaucht und tief in den Eisberg hineinsieht. Das Ganze nennt man auf den Menschen bezogen Meditation.
In Meditation zu sein ist sehr schwer mit Worten zu erklären, es bedeutet etwas zu erfahren, etwas zu erleben, das manchmal Paradox erscheint. Zu sehen, dass es mehr gibt, als man vorher kannte. Es ist kein Traumzustand, eher völlige Klarheit und Wachheit, gepaart von Weisheit und reiner Intelligenz. Nicht die intellektuelle Intelligenz, es ist Intelligenz, die das Wissen schon beinhaltet, die aus der Natur eines Seins kommt, plötzlich weiß man einfach. Es ist so, wie es wohl jeder schon mal in seinem Leben erfahren hat, oft als Kind. Plötzlich macht man etwas und kann es einfach. Das ist die wahre Intelligenz. Und in solch einem Zustand zu verweilen und zu analysieren, wer man wirklich ist, lässt eine irgendwann erkennen, dass dieses Ich, das Ego, nur eine Seifenblase ist, die immer ein wenig anders schimmert, aber irgendwann zerplatzt. Das Ego löst sich auf, nach und nach. Manchmal taucht es im Alltag wieder auf aber man enttarnt es immer öfter und es verliert immer mehr an Macht und das ist wirklich befreiend. Der erste Schritt ist zu erkennen, dass dieses Ich in Wirklichkeit von uns erfunden ist.
Nun aber zurück zur Frage, wie merke ich eigentlich, ob ich noch in der Illusion vom Ich oder im Ego festhänge. Nun ganz einfach. Stellt euch doch mal die Frage, wo ihr überall noch Opfer seid, also wo kann man euch noch ärgern, wo reagiert ihr noch, fühlt euch bedroht, verletzt, gekränkt, usw. Jetzt werden sicherlich einige von euch sagen, das ist doch ganz normal, dass ich andere Meinung bin als andere. Normal wäre es, jemanden bei seinen Ansichten zu lassen, denn jeder hat durch seine Erfahrung unterschiedliche Interpretationen von den Dingen, das hat aber nichts damit zu tun, wie die Dinge tatsächlich sind. Wenn man die Dinge so sieht, wie sie sind, erkennt man das jeder recht hat oder auch keiner, weil es in Wirklichkeit gar kein Recht gibt. Wer bestimmt das recht, nach welchen Ansichten? Eine Meinung braucht immer einen Standpunkt und der kann immer nur aus der Sicht desjenigen OK sein, der sie vertritt. Und ist jemand anderer Ansicht, gibt es Diskussionen und manchmal sogar Streit. Das ist das Spiel des Egos. Das Ego liebt Probleme und ist auf der Suche nach immer neuen Problemen, damit es gefüttert wird und nicht stirbt. Die Ansichten des anderen zu akzeptieren und ihn als anderes Bewusstsein zu erkennen, schafft keine Probleme. Wenn mir was an dem anderen nicht passt, habe ich immer die Möglichkeit aus der Situation herauszugehen und nicht zu reagieren, mit dem Bewusstsein, dass der andere nur verschiedene Erfahrungen gemacht hat. Viel wichtiger ist es wirklich stimmig zu sein. Wenn man wirklich stimmig ist, dann stimmt es komischerweise auch für alle anderen und es gibt nichts weiter zu sagen.
Das gleiche Spiel zeigt sich, wenn z. B. ein Kollege an einem Tag schlecht gelaunt ist, er versucht dich zu beleidigen und du reagierst direkt darauf und beleidigst ihn vielleicht auch oder bist sauer, warum er oder sie sich sowas herausnimmt, “er oder sie spinnt wohl”. Man fühlt sich angegriffen. Doch die Wahrheit erkennt man nicht, man erkennt nicht, dass die Person sich in diesem Moment nicht anders zu helfen weiß, er vielleicht Probleme zu Hause hat oder sonst was. Das Beste in solchen Situationen ist wirkliches Mitgefühl zu zeigen, kein Mitleid, Mitgefühl. Der Unterschied ist, dass man, wie die Weisheit der Sprache schon wieder so schön sagt, nicht leidet, sondern sich in sein Gegenüber hineinversetzt und mit ihm fühlt, ihm oder ihr mit offenen sanften Worten begegnet und die Situation in eine andere Richtung lenkt, in eine Richtung, die dann wieder plötzlich für beide stimmig wird. Probiert das mal aus, es gibt immer einen Raum zwischen Reiz und Reaktion, in der wir die Möglichkeit haben bewusst zu agieren. Werdet euch bewusst, wenn ein negatives Gefühl in euch hochsteigt, akzeptiert dieses, gebt ihm Raum und begegnet ihm mit Liebe. Diesen wertvollen Tipp habe ich von Thich Nhat Hanh, einer meiner Mentoren und einem ganz tollen Zen-Meister und buddhistischen Mönch.
Wenn ich Menschen Frage, wie sie mit negativen Gefühlen umgehen, kommt entweder, ich lasse sie sofort raus oder ich versuche sie zu unterdrücken. Dass es aber noch eine dritte Möglichkeit gibt, wissen die wenigsten. Sie zu erkennen, sie im Körper zu orten. Wut z. B. befindet sich sehr oft im Bauch, und sie zu akzeptieren, ihr Raum zu geben und sie mit Liebe und Anerkennung zu umarmen. Das schafft sofortige Besserung.
Wir müssen die Wirklichkeit hinter dem Schein erkennen und zwischen der Wirklichkeit und dem Schein steht immer die Illusion des Ichs. Ich sage nicht, dass es einfach ist und es ist ein Stück weit harte Arbeit und Disziplin, doch es lohnt sich, wenn man plötzlich feststellt, dass die glücklichen Momente im Leben immer mehr in Erscheinung treten. Es tut oft weh, Menschen zu sehen, wie sie in ihrem Ego gefangen sind. Wenn man es versucht loszuwerden, will es unbedingt bestehen bleiben und versucht alle möglichen Tricks. Versucht es zu enttarnen. Mit etwas Übung werdet ihr es sicherlich schaffen. Es lohnt sich für euch und eure Mitmenschen.
Ein ganz großer Dank gilt noch dem spirituellen Lehrer und Heilpraktiker Kurt Tepperwein, der viel dazu beigetragen hat, dass ich die Dinge aus einem anderen Blickwinkel sehen kann.
Versucht einfach gute Menschen zu sein, andere zu akzeptieren und jeden als Bewusstsein mit anderen Erfahrungen wahrzunehmen.

